Ryan’s interview for Zeit

“Songwriting ist sozialistischer geworden”

Wie komponiert man heutzutage einen Welthit? Darüber und über das Gefühl, mit einem Beatle im Studio zu stehen, haben wir mit Ryan Tedder gesprochen, einem der erfolgreichsten Liedschreiber unserer Zeit.

Ryan Tedder ist ein Superstar, den kaum jemand auf der Straße erkennt. Mit seiner Band OneRepublic (“Apologize”) hat der US-Amerikaner mehr als zehn Millionen Alben verkauft. Noch erfolgreicher ist Tedder jedoch als Hitlieferant für Beyoncé, Taylor Swift, Ed Sheeran oder James Blunt. Auch U2 und Paul McCartney haben ihm Chartbreaker zu verdanken. An einem Spätsommertag sitzt der unauffällige Künstler, der auch als Investmentbanker oder Zahnarzt durchgehen würde, in einem Konferenzraum seiner Plattenfirma. Er wirkt hochkonzentriert, spricht schnell und druckreif.

DIE ZEIT: Mr. Tedder, haben Sie schon mal von Helene Fischer gehört?

Ryan Tedder: Klar.

ZEIT: Könnten Sie der einen Hit schreiben?

Tedder: Auf Deutsch? Dafür reichen meine Sprachkenntnisse nicht, aber auf Englisch wäre das kein Problem. Musik ist letztlich universell.

ZEIT: Wie bereiten Sie sich auf einen Künstler vor, dem Sie einen Hit komponieren sollen?

Tedder: Meistens nehme ich mir ziemlich genau zwei Stunden zur Vorbereitung, bevor ich jemanden treffe. Zumindest wenn ich es allein mache. Wenn wir allerdings ein Team von Songwritern sind, gelten keine Regeln. Meistens läuft es dann so, als wenn man gemeinsam etwas aus Lego baut: Alle fügen ihr Teilchen dazu, ergänzen Details – oder nehmen etwas weg, wenn die Struktur nicht stimmt. Und wenn es fertig ist, staunen alle. So läuft modernes Songwriting.

ZEIT: Wer bestimmt in einem Team von Songwritern, wann etwas fertig ist?

Tedder: Auch das läuft ziemlich demokratisch ab. Es passiert selten, dass sich zwei Schreiber völlig uneinig sind. Die meisten erfolgreichen Songwriter haben keine Probleme mit ihrem Ego, weil sie wissen: Man gewinnt nur als Team.

ZEIT: Wie hat sich das Songwriting in den vergangenen Jahrzehnten verändert?

Tedder: An einem Hit schreiben heutzutage im Durchschnitt fünf Autoren. Wenn man so will: Songwriting ist sozialistischer geworden. Noch in den Neunzigerjahren waren es noch wenige Hitautoren, die isoliert gearbeitet haben und Songs auf Bestellung lieferten.

ZEIT: Was ist besser: ein einzelner Songwriter oder ein Team?

Tedder: Ich habe das Glück, dass ich einige meiner größten Hits allein geschrieben habe, war aber auch oft Teil von größeren Songwriting-Teams. Und natürlich ist es, rein emotional, beglückender, einen erfolgreichen Song allein verfasst zu haben. Fragen Sie mal Neil Young. Denn es ist einfach befriedigend zu wissen, dass man es ohne Hilfe hinbekommt, eine gute Geschichte mit einer erstklassigen Melodie zu verknüpfen. Aber in dieser Dekade ist beim Songwriting eben der Sozialismus eingezogen. Es ist mittlerweile nahezu unmöglich, einen globalen Hit zu landen, ohne dass mindestens vier Songwriter daran beteiligt wären.

ZEIT: Und die Einnahmen werden dann brüderlich zwischen allen aufgeteilt?

Tedder: Nein, Gott bewahre! Wenn zum Beispiel sechs Autoren hinter einem Hit stecken, dann teilen sich vier von denen achtzig Prozent, und die anderen zwei, die vielleicht bloß klitzekleine Verbesserungsvorschläge beigesteuert haben, bekommen jeweils zehn. Es kann auch sein, dass drei Autoren sich siebzig Prozent teilen und fünf Autoren mit dreißig Prozent auskommen müssen. Es ist kompliziert.

ZEIT: Sie haben mal Ihre Karriere als Songwriter darauf zurückgeführt, dass Sie ein Einzelkind sind. Wie meinen Sie das?

Tedder: Ich wuchs in der Provinz auf und musste mit viel Langeweile klarkommen. Heutzutage scheinen sich viele Teenager im Internet zu verlieren. Ich hingegen hatte damals weder ein Smartphone noch Facebook. Ich habe in meiner Freizeit Radio gehört und Mixtapes gemacht. Endlose Stunden verbrachte ich am Klavier, am Schlagzeug oder mit meiner Gitarre. Irgendwann begann ich bewusst damit, die Songs zu analysieren, ihre Struktur zu decodieren und letztlich eigene Songs zu schreiben.

ZEIT: Wann haben Sie begriffen, dass Songwriter ein Beruf für Sie sein könnte ist?

Tedder: Ich muss so vierzehn gewesen sein, als mein Vater mir die CD The Best of Diane Warren schenkte. Ich fragte ihn, wer das denn bitte sein solle. Und er antwortete, dass ich die CD mal umdrehen solle, um einen Blick auf die Songs zu werfen. Vierzehn Songs, und ich kannte jeden: Unbreak My Heart, I Don’t Wanna Miss a Thing, Blame It on the Rain und so weiter. Aber warum singt diese Diane Warren Lieder von anderen Leuten?, fragte ich meinen Vater. Weil sie die alle geschrieben hat, erwiderte er. Dann erklärte er mir den Beruf des Songwriters und erläuterte mir, dass Songwriter angenehm im Hintergrund bleiben können: Sie müssten weder auf Tournee noch Autogramme geben, aber verdienten am meisten an der Musik. Wobei mein Vater vom wirklichen Geschäft natürlich keinen Schimmer hatte, er hatte nur das richtige Gefühl.

ZEIT: Und dann haben Sie mit vierzehn begonnen, Ihre ersten Songs zu schreiben?

Tedder: Genau so war es. Ich war neunzehn, als ich bei MTV dann einen Plattenvertrag gewann, nachdem ich einen Song von mir da aufgeführt hatte. Daraus wurde letztlich nichts Bemerkenswertes.

ZEIT: Bei welchem Gehaltsscheck dachten Sie das erste Mal: “Wow”?

Tedder: Jennifer Lopez! Für die habe ich 2006 den Song Do It Wellgeschrieben und produziert. Die Single verkaufte sich mehr als eine Millionen Mal.

ZEIT: Klingt nach einem guten Scheck.

Tedder: Nicht so toll, wie Sie sich das ausmalen, denn an verkauften Tonträgern verdienen vor allem die Plattenfirmen. Songwriter machen ihr Geld mit Radio und Lizenzen für TV- und Kino-Soundtracks. Und was Songwriter an Streaming verdienen, ist ein schlechter Witz. Aber der Scheck, den ich für den Jennifer-Lopez-Song bekam, war dennoch in Ordnung und sorgte dafür, das mein Konto erstmals rasant in die schwarzen Zahlen schoss und ich den Kredit für mein Studium zurückzahlen konnte. Ein Auto war auch noch drin.

ZEIT: Sind Sie persönlich enttäuscht, wenn einer Ihrer Songs, dem Sie Hitpotenzial zugetraut haben, nicht läuft?

Tedder: Immer! Enttäuscht ist ein viel zu schwaches Wort, ich bin dann völlig zerstört. Ich hatte gestern mit einem Mitarbeiter meiner Plattenfirma einen ziemlichen Streit zu dem Thema. Es ging um Hits und die Fähigkeit eines Labels, Hits vorherzusehen, bevor sie festlegen, wie viel Geld sie in das Marketing investieren wollen. Dieser Mitarbeiter verkündete jedenfalls, dass sie nicht immer vorab wüssten, ob ein Song ein “Hit” werde. Ich musste klarstellen, dass kein Mensch vorab weiß, ob eine Nummer erfolgreich sein wird oder nicht.

ZEIT: Sind Sie sich mit Ihrer Plattenfirma immer einig, welche Songs Ihrer Band OneRepublic das Zeug zum Hit haben?

Tedder: Bei meiner Plattenfirma erklärten sie mir mal, dass unser Song Counting Stars nicht das Potenzial zu einer Single habe und nicht veröffentlicht werden sollte. Sie irrten sich.

ZEIT: Seit 2013 hat sich dieser Song über acht Millionen Mal verkauft

Tedder: Man muss eben auch seinem eigenen Instinkt vertrauen.

ZEIT: Sie haben mit Legenden wie Paul McCartney gearbeitet. Fühlten Sie sich in Gegenwart solcher Großkünstler vor Ehrfurcht schon einmal wie gelähmt?

Tedder: Mit McCartney tausche ich regelmäßig Kurznachrichten aus, und natürlich gibt es Momente, in denen ich verblüfft denke: Wow, ich schreibe grade mit einem Beatle! Das, was ich mache, hat McCartney erfunden!

ZEIT: Kann man als Produzent einem Beatle im Studio sagen, dass etwas nicht gut genug war?

Tedder: Das ist schwierig. Aber es hilft, dass ich nach jahrelanger Erfahrung wirklich gut darin bin, mich schnell auf Menschen einzustellen. Sie fühlen sich wohl in meiner Gegenwart. Ich nehme im Studio nichts persönlich: Mein Ego dort ist winzig. Nervosität habe ich längst hinter mir gelassen.

ZEIT: Und löchern Sie dann als Fan den Beatle? Oder halten Sie sich bewusst zurück?

Tedder: Natürlich frage ich nach! Paul McCartney hat mir zum Beispiel erzählt, dass die Beatles erst in Hamburg zur guten Band wurden. (Imitiert McCartneys Stimme): “Mann! Dort mussten wir die Akkorde von 500 Songs lernen, um unser abendliches Programm bestreiten zu können. 500 Songs! So lernten wir wohl jeden Akkordwechsel, den die Popmusik zu bieten hat.” Kein Wunder also, dass die Beatles vom ersten Album an vor Musikalität nur so strotzten. Sie hatten Tausende Stunden in Hamburg geübt, hatten Jazz, Blues und Rock-’n’- Roll-Standards auswendig gelernt!

ZEIT: Was machen Sie, wenn ein erfolgreicher Künstler, dessen Musik Sie aber furchtbar finden, mit Ihnen zusammenarbeiten möchte?

Tedder: Das kommt ein- bis zweimal im Jahr vor, und ich lehne meistens höflich ab. Ich lasse von meinem Manager ausrichten, dass ich untröstlich bin, aber zu viel mit meiner Band zu tun habe. Wenn ich Termine mit anderen Künstlern vorschieben würde, käme irgendwann raus, dass ich lüge: Aber einen besseren Sündenbock als die eigene Band gibt es nicht.

ZEIT: Haben Sie denn überhaupt schon mal für einen Kollegen gearbeitet, den Sie eigentlich gar nicht ausstehen konnten?

Tedder: Natürlich! Früher sogar regelmäßig. Ich sage einfach zu oft Ja. Aber manchmal ist das sogar ein Ansporn: Dann versuche ich eben Künstlern, die ich nicht mag, ihren ersten guten Song zu schreiben!

Source.